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Von Bernhard Bueb
Der Besuch eines Internats sollte die gelungene
Erziehung in der Familie ergänzen
und fortsetzen. Jugendliche, die Vertrauen in
sich und die Welt gewonnen haben, erhalten
die Chance, in einer Gemeinschaft ihren
Charakter zu bilden. "Es bildet ein Talent
sich in der Stille, sich ein Charakter in
dem Strom der Welt" (Goethe). Jugendliche
dürfen aus der Geborgenheit der Familie
in den "Strom der Welt" treten, dem sie
sich im Zusammenleben einer gestalteten
"Gemeinschaft von Lehrenden und
Lernenden" (Humboldt) aussetzen. Der
Besuch eines Internats zeigt den Mut eines
Jugendlichen, in einen neuen Lebensabschnitt
einzutreten, weil er in der Familie an sich
und seine Kräfte glauben gelernt hat.
Zugleich beweisen die Eltern Vertrauen in
ihre Tochter oder ihren Sohn, weil sie sie
einen ersten Schritt in den "Strom der Welt"
tun lassen.
Jugendliche leiden heute an einem Mangel
an gestalteter Gemeinschaft, sie suchen
Lehrer, die sich ihnen persönlich zuwenden,
und sie suchen Abenteuer. Internate
können diese Defizite ausgleichen. Sie
bieten jungen Menschen Ge mein schaften,
in denen sie lernen, Verantwortung zu
übernehmen, sich zu be haupten und ihre
Identität in Ab gren zung zu Gleichaltrigen
und Erwachsenen zu finden. Sie begegnen
Lehrern, die sich nicht nur als "Unterrichter"
verstehen, wie sie die Reformpädagogen
des letzten Jahrhunderts bezeichnet haben, sondern die Menschenbildner sein wollen.
Und sie erleben "Abenteuer". Denn
die Erlebnispädagogik ist das Kernstück
guter Internate. Aktivitäten prägen den
Alltag des Internats: Sport, Theater, Musik,
Handwerk, Schülermitverantwortung und
Unternehmungen in der Natur. Sie ergänzen
das akademische Programm.
Internate sollen auch Jugendlichen eine
Heimat bieten, deren Familienverhältnisse
ihnen nicht die Geborgenheit und Sicherheit
geboten haben, die ein Kind zum Aufwachsen
braucht. Ein mangelndes Elternhaus zu ersetzen,
darf aber nicht zur primären Begründung
für die Existenz eines Internats dienen.
Ein Internat besuchen zu dürfen, ist ein
Privileg und eine Aufgabe. Junge Menschen
müssen eine solche Chance dadurch honorieren,
dass sie sich besonders anstrengen
und damit die Kosten, die der Aufenthalt in
einem Internat verursacht, rechtfertigen.
Dr. Bernhard Bueb
von 1974-2005 Leiter der Internatsschule
Schloss Salem und Autor der Bestseller
"Lob der Disziplin", erschienen im List Verlag,
Berlin, und "Von der Pflicht zu führen"
erschienen im Ullstein Verlag, Berlin.
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