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von Prof. Dr. Volker Ladenthin
Salz oder Schaufel
Der Winter meinte es in der Saison 2009/2010 sehr gut. Es gab viel Schnee
– also gibt es auch viel Schnee zu schippen. Für ein Internat
ist das ein Idealfall. Denn sofort stellt sich die Frage: Wer schippt
Schnee? Ist das nicht eine Gemeinschaftsaufgabe, mit der man den Hausmeister
nicht allein lassen darf? Ist Mitarbeit der Internatsschüler nicht
„sozial“ – und stand nicht „soziale Solidarität“
im Internatsprogramm? Ist das Schneeschippen nicht sogar gesund –
Bewegung an der frischen Luft; man entlastet den Sportunterricht? Aber
soll man Schnee schippen oder Salz streuen? Was raubt mehr Zeit? Ist Lernen
wichtiger oder Schnee schippen, also Salz oder Schaufel? Welche Umweltschäden
sind beim Salzstreuen zu erwarten? Welche versicherungsrelevanten und
kostenintensiven Schäden (Autobeulen, Beinbrüche) sind zu erwarten,
wenn man kein Salz streut? Oder zu wenig? Wie berechnet man die Menge
Salz, die man braucht … Fragen über Fragen, und alle dienen
sie der Bildung im Internat.
Die Eigenheit eines Internates ist es, dass auch das sachbezogene, zumeist
schulische Lernen anlassbezogen und erfahrungsorientiert gestaltet werden
kann. Nicht ein starrer Lehrplan bestimmt, was wann inhaltlich zu thematisieren
ist; vielmehr schafft jedes Internat selbst hierzu die Anlässe.
Erfahrungsorientiertheit und sachbezogenes Lernen
In der alten Diskussion um die Vorteile und Nachteile erfahrungsorientierten
und schulischen Lernens1 wird immer wieder darauf hingewiesen,
dass das Lernen durch Erfahrung eine Kraft hat, die das schulische Lernen
nur schwer erreichen kann. Während schulisches Lernen der Ordnung,
Systematik und dem Vorratslernen dient (und insofern unverzichtbar ist),
erweist erfahrungsorientiertes Lernen seinen Nutzen und Sinn unmittelbar.
Man kennt den Lernanlass und akzeptiert ihn. Und man weiß am Ende,
wozu das Lernen gut war. Erfahrungsorientiertes Lernen ist also anwendungs
und handlungsbezogen; und es ist subjekt und sozialbezogen. Denn
der Einzelne ist es, der die Erfahrungen macht. Ihn betrifft der Lerninhalt.
Er will, er muss ein Problem lösen. Es ist sein Problem, das da verhandelt
wird. Aber schnell merkt man, dass das eigene Problem andere betrifft.
Dieser vierfache Bezug ist die Erklärung dafür, warum bei erfahrungsorientiertem
Lernen so große und intensive Lernerfolge festzustellen sind. Der
Lebensbezug erfahrungsorientierten Lernens umgeht die Motivationsprobleme
systematischen Lernens. Eine weitere Bedeutung liegt in einer anwendungsbezogenen
Anordnung der Lerninhalte und ihrer praktischen Umsetzung. Erfahrungsorientiertes
Lernen fordert sachbezogene Urteilskraft ein – in Ergänzung
zu dem (stets notwendigen) klassifikatorischen Lernen im Unterricht.2
Da Urteilskraft aber nicht gelehrt werden, sondern nur im Vollzug geübt
werden kann, ist es sinnvoll (überfordert aber zumeist die Familien),
den schulischen Lernorten Lernorte in der Praxis hinzuzufügen (Handlungskompetenz,
Ichkompetenz). Dem erfahrungsbezogenen Lernen kommt demnach eine Qualität
zu, die dem schulischen und dem häuslichen Lernen nicht gegeben ist:
die Verbindung von theoretischer Einsicht und praktischer Umsetzung. Diese
Vermittlungsleistung, die Urteilskraft genannt wird, entscheidet aber
über die Qualität professionellen Handelns in der Berufswelt.
Indem nun das Internat außerschulische Lernorte aussucht und pädagogisch
reflektierbar macht, kommt es zu pädagogisch begleiteten Applikationen
eben dieser Urteilskraft. Besondere Bedeutung aber kommt dem erfahrungsorientierten
Lernen insofern zu, als es mit dem Handeln und dem Lebenszusammenhang
des einzelnen Jugendlichen verbunden ist. Beim Handeln spielen aber nicht
nur motivationale Gesichtspunkte eine Rolle, sondern auch die Entwicklung
von Sozialkompetenz und Sittlichkeit. Die vor Ort gegebenen Handlungserwartungen
fordern heraus, die gegebenen sozialen Situationen angemessen und verantwortungsvoll
zu erkunden und in ihnen kompetent zu handeln. Lernen in Erfahrungszusammenhängen
evoziert so Lernvorgänge, zu denen auch die Realisation von Wertungen
und Werthaltungen gehören.
Das Internat hat hier eine besondere Möglichkeit, die in Schule wie
Elternhaus nur schwer zu realisieren ist. Der Schule ist aus vielfältigen
Gründen an einem systematischen Lehrplan gelegen, der nur in Ausnahmefällen
eine Orientierung an der Erfahrung zulässt (wohl aber erfahrungsanaloges
Lehren – das aber eben der Erfahrung als Voraussetzung bedarf!).3
Das Elternhaus ist zumeist sachlich und organisatorisch überfordert,
sollen dort Erfahrungen systematisch ausgewertet, didaktisch genutzt oder
sogar gestaltet werden.
Das Internat hat hier eine besondere Chance, weil die professionalisierten
Begleiter in der Lage sein müssten, die in Alltagssituationen unterrichtlich
bedeutsamen Inhalte zu entdecken und zu nutzen. Zudem steht ihnen ein
technischorganisatorischer Apparat zur Verfügung, der die Auswertung
und Nutzung von Erfahrungssituationen für Unterrichtszwecke auch
(technisch) ermöglicht. Das Internat ergänzt so Schule und Elternhaus
und schafft etwas, was beiden in der Regel und auf Grund organisatorischer
Voraussetzungen nicht möglich ist: Die Lehrbarmachung von Erfahrungen
im Alltag. Hier liegt eine systematische Bedeutung des Internats im Schulsystem.
Zeiten und Orte des sachbezogenen Lernens
Lernen braucht Gelegenheit; es vollzieht sich systematisch und transferierbar
nicht ohne weiteres im Leben. Die sachliche Auseinandersetzung mit der
Welt, den Mitmenschen und sich selbst braucht (feste, abgegrenzte, pädagogisch
bestimmte) Zeiten und Orte, an dem es sich ereignen kann. Eine spezifische
Leistung des Internates liegt im anlassbezogenen Lernen, also darin, im
Hinblick auf anstehende Aufgaben nach Lösungen zu suchen. Es kann
also „immer“ Zeit zum Lernen sein. Gleichwohl muss das Zeitbudget
der Erzieher auch so bemessen sein, dass diese Gelegenheiten genutzt werden
können. Hier stoßen finanzielle Vorgaben auf pädagogische
Anforderungen. Wenn aber ein Internat nur der Betreuung dient und aus
finanziellen Gründen den Erziehern keine Zeit gibt, die sich stets
anbietenden Lernanlässe auch zu nutzen, kann es seinen Zweck kaum
erreichen. Dann verändert es seinen Charakter und wird von einer
Bildungs zu einer Verwahr oder Betreuungsinstitution. Die Berechnung
der Zeit, die ein einzelner Erzieher für einen einzelnen Zögling
hat, muss also die Aufgabe der Unterrichtung realistisch mit einbeziehen.
Alle Situationen sollten mit einem Zeitpuffer geplant werden, also so,
dass eine sachliche Bearbeitung der anstehenden Probleme auch stattfinden
kann und nicht „auf später“ verschoben werden muss.
Zur Struktur des Internates gehören unverzichtbare feste Lernzeiten,
also Zeiten, die dem Lernenden eine formale Struktur geben. An erster
Stelle ist das Silentium zu nennen, d.h. die fixierte Zeit für Hausaufgaben
und Übungen. Denkbar sind zudem feste Übungszeiten, Hobbyzeiten,
Fernseh und Filmzeiten, feste Zeiten für Nachrichtensendungen
(im Fernsehen, aber auch im Radio), feste Zeitungslesezeiten oder Vorlesezeiten.
Ein feststehendes Angebot für Musik („immer täglich von
18.00–19.00 Uhr“) und für Spielgemeinschaften –
so dass die Internatler ihren Tag um diese Termine herum planen können.
Die Bedeutung einer solchen Zeitstruktur ist nicht zu unterschätzen,
eben weil für wichtige Dinge eine feste Zeit freigehalten wird, so
dass das, was einem wichtig erscheint, nicht von den sich häufenden
Nebensächlichkeiten erdrückt wird. Das Internat sollte eine
Zeitstruktur haben, in der das als wichtig Erachtete auch seinen festen
und damit sicheren Platz findet, so dass sich Gewohnheiten herausbilden,
die einen Internatler auch dann leiten, wenn seine Stimmungen zu anderen
Entscheidungen führen würden. Damit ist nicht der Verplanung
der Freizeit das Wort geredet, sondern einer Gewichtung der Zeit im Internat.
Über die Bedeutung der Zeitplanung muss ein unterrichtendes Gespräch
zwischen Erzieher und Zögling stattfinden („Beratung“),
das den Sinn der Angebote und ihre Verbindlichkeit of fen legt und damit
klärt.
Es gibt naheliegende „Orte“ für anlassbezogenes Lernen:
So wird man über „richtiges Benehmen bei Tisch“ eben
„bei Tisch“ sprechen4, bei Erkrankungen am Behandlungsort
über Gesundheit usw. Allerdings sollte es im Internat Orte geben,
an denen sich „sachbezogenes Lernen“ gewissermaßen „materialisiert“
und „objektiviert“. So sollte es eine Bibliothek geben, die
neben BelletristikLiteratur Sachbücher, Bücher zu Hobbybereichen
(mit Nachschlagewerken) auch
ganz lebenspraktische Bücher (Lerntechniken, Bewerbungsverfahren,
Benimmbücher, Landeskunden, Landkarten) enthält.
Wichtig sind Tages und Wochenzeitungen, denn sie vermögen es,
die Internen in die Welt einzubinden5. Die Mediothek sollte
neben einer begründeten (filmhistorischen!) Auswahl von Filmen auch
eine sinnvolle Auswahl von Musik bereitstellen, so dass Internatler sich
über Musikstile systematisch kundig machen können. Je nach Möglichkeiten
sollte es Hobbyräume, Werkstätten (mit passendem Handwerkszeug,
dessen Benutzung erklärt wird), Sporträume (mit fachlicher Begleitung)
usw. geben. Die Grundregel sollte sein, dass man (fast) alles machen kann,
wenn man es nur sachlich angemessen und verantwortlich macht. Diese Maxime
bedarf aber einer räumlichen Ausstattung, die einem sachlichen Lernen
nicht widerspricht.
Determinanten des Lerncurriculums
Gibt es ein Curriculum für das sach bezogene Lernen im Internat?
Es gibt zumindest vier Determinanten für ein solches Curriculum:
Die Schule, die Anlässe des Schul und Internatslebens, das Freizeitangebot
des Internates, die Biographie des Internatlers.
Die erste Determinante des Lerncurriculums eines Internates ist das faktische
Curriculum der Schule. Das, was in der Schule Thema ist, wird transformiert
zum Thema des sachlichen Lernens im Internat – bei den Hausaufgaben,
bei Unterstützung oder bei ergänzenden Angeboten. Eine enge
Zusammenarbeit mit der Schule ist daher notwendig. Das Internat muss in
dieser Hinsicht thematisch synchron zur Schule sein, d.h. begleitend,
vorbereitend oder nachbereitend. Damit ist gemeint, dass nicht nur die
Erzieher, die die einzelnen Schüler begleiten, um die Themen wissen
müssen, die bei den Internatlern derzeit im Unterricht zu erwarten
oder nachzubereiten sind. Vielmehr ist damit gemeint, dass das Internat
sich strukturell auf diese Begleitung einstellen muss. Es muss eine Koordination
bei Schulbüchern, Hilfsmitteln und Übungsprogrammen geben. Die
üblichen Materialien (Hefte, Malutensilien usw.) sollten griffbe
reit sein. Bei zentralen Themen wären Ausflüge oder Museumsbesuche,
vorbereitende Lektüren zu planen.
Die Unterrichtsreihe „Leben im Mittelalter“ könnte so
vorbereitet werden, dass Besuche nahe liegender Burgen, (gut erhaltener)
Altstädte und Museen stattfinden, Filme betrachtet werden (Robin
Hood, Name der Rose) und in der Bibliothek auf entsprechende (Jugend-)Lektüre
oder Bildbände hingewiesen wird. Bei den CDs können Aufnahmen
auf historischen Instrumenten ebenso wie poppige Adaptionen von Liedern
der Minnesängerzeit („Ougenweide“) bereitgehalten werden.
Und vielleicht gibt es im Nachbarort „Ritterspiele“.
Die Unterrichtsreihe „Energie“ kann durch Besuche in Technikmuseen,
bei Betrieben der Energiebranche (Kraftwerke, Stauseen, Windräder
usw.) sowie ebenfalls durch Lektüren und Informationsfilme begleitet
werden. Zudem kann thematisiert werden, welche Maßnahmen die Internatsleitung
ergriffen hat, um (Heiz-, Licht-)Energie zu sparen und welchen Beitrag
man von den Internatlern (Hausordnung!) er wartet, wo sich Schwierigkeiten
durch alte Gewohnheiten (Wasser beim Zähneputzen laufen lassen, Heizung
bei offenem Fenster statt Stoßlüftung usw.) ergeben. Man könnte
gemeinsam mit den Internatlern Info-Broschüren der Elektrizitätswerke
lesen usw.
Ebenso müssen Schulfeste, Schultheateraufführungen sowie Klassenfahrten
mitbedacht und vor bzw. nachbereitet werden. Das, was in der im Internat
verbrachten Zeit thematisiert wird, hängt also auch von dem ab, was
in der Schule als Thema ansteht.
Die zweite Determinante des Lerncurriculums eines Internates sind die
Anlässe des Schul- und Internatslebens. Vorhersehbare Anlässe
sind Mahlzeiten, Raumpflege, Tageseinteilung, Kleidung und Freizeitverhalten.
Die eigene Kleidung muss gepflegt und gestaltet werden, der eigene Raum,
der eigene Schrank. All dies bedarf einer vorausplanenden Gestaltung insofern,
als die Positionen der Internatsführung Orte und Zeiten finden müssen,
um sich darzustellen und zu vermitteln. In diesen Bereichen geht es nicht
nur einfach um die Weitergabe von Regeln, sondern darum, Einsicht in sachangemessenes
Handeln zu erreichen. So müssten der InternatsSpeiseplan (und
die Grundeinsichten seiner Gestaltung) Thema werden, da dies ein Beitrag
zur Gesundheitserziehung ist. Regeln für das Essen müssen erläutert
werden (wie werden Spaghetti gegessen – und warum auf diese Art?).
Warum müssen Räume gepflegt werden – und wie hat das zu
geschehen? Warum ist der Tag so eingeteilt, wie er eingeteilt ist? Welchen
Sinn haben Ruhezeiten? Welche Bedeutung hat Schlaf? All dieses Alltagswissen,
das sich in Familien beim Handeln, also beiläufig und implizit, artikuliert,
kann und muss im Internat (als Institution) explizit werden. Diese Situationen
sind wichtige Lernanlässe. Diese Lernanlässe halten also nicht
(wie so oft gesagt wird) „von der eigentlichen Arbeit“ ab
– sie sind die eigentliche Arbeit. Das Internat führt –
wie die gestaltete Familie – ins Leben ein; nur ist vom Internat
zu erwarten, dass diese Lernbarmachung des Alltags bewusst und geplant
stattfindet.
Zu diesen absehbaren Lernanlässen, die auch mit Materialien sorgfältig
vorbereitet werden sollten, gesellen sich die unvorhersehbaren Anlässe:
das Fahrrad, das defekt wird; das Radio, das keinen guten Empfang hat;
die Magenverstimmung; die Erkrankung der Atemwege usw. All dies sind –
pädagogisch betrachtet – keine „störenden Vorfälle,“
sondern wichtige Situationen, von Anlässen ausgehend zu lernen. Das
Elternhaus wäre überfordert, würde es in all diesen Situationen
explizite Lernanlässe sehen. Kinder lernen in Familien anhand integrierter
„Lösungen“. Im Internat aber ist professionell ausgebildetes
Personal zur Stelle, das viele der „Vorfälle“ und Situationen
aus der langjährigen Erfahrung kennt – und sich daher auf diese
Vorfälle vorbereiten und anhand der „Vorfälle“ Lernprozesse
auslösen kann. Eben: Lernen anlässlich von Leben.
Die dritte Determinante des Lerncurriculums eines Internates ist das spezifische
Freizeitangebot des Internates. Wie geht man mit Videorecorder und DVDPlayern
sachgemäß um; wie behandelt man CDs schonend; wie werden Bücher
in der Bücherei gefunden, ausgeliehen, geschont und genutzt? Wie
spielt man richtig Tischtennis oder Billard? Die Beispiele sind unendlich,
zeigen aber immer eine bestimmte Struktur: Das Freizeitangebot des Internates
darf nicht nur einfach eine „Beschäftigung“ sein, sollte
nicht nur dem Zeitvertreib dienen und dem „Betreuungsgedanken“
folgen. Vielmehr sind auch diese (oft selbstverständlichen) Angebote
wichtige Lernanlässe – und sie sollten als solche genutzt werden:
Wie wertet man die Fernsehzeitung systematisch aus? Wie bekommt man eine
CD im speziellen Sammelgebiet? Wo informiert man sich über Sammlerpreise
für Briefmarken, Telefonkarten oder Überraschungseifiguren?
Der Einwand, dass dies die Kinder doch viel besser wüssten, sollte
man nur als Aufforderungnehmen, dieses „bessere Wissen“ der
Kinder noch weiter zu führen. Internatserzieher müssen also
Freizeitexperten sein – aber das Internat muss die Bedingungen hierfür
schaffen.
Im Bereich der (z.B. im hauseigenen Prospekt ausgeschriebenen) besonderen
Förderschwerpunkte (Sport, Musik, Theater, Technik) stellt sich die
Anforderung an einen professionellen Umgang mit den Themen dieser Bereiche
vom InternatsProgramm her. Das Internat kann hier Interessen wecken
oder fördern.
Die vierte Determinante des Lerncurriculums eines Internates ist die Biographie
des Internatlers. Das, was den einzelnen Internatler beschäftigt
und belastet, kann und muss von den Erziehern aufgearbeitet werden. Auch
hier gibt es viele Zufälle, aber eben auch erwartbare Themen: Zuallererst
stehen Themen an, die mentale Probleme behandeln: die Verarbeitung der
Situation in Familie, Internat und Schule. Diese Themen müssen besprochen
und unter sachlicher Perspektive reflektiert werden: Wie organisiere ich
das nächste Schuljahr? Wann fahre ich nach Hause? Was erwarte ich
von zu Hause? Was mache ich zu Hause? Wie halte ich Kontakt zu den Freunden?
Wie gewinne ich neue Freunde? Wie gehe ich mit Heimweh um? Was erwarte
ich vom Internat? Was mache ich im Internat? Wie sieht meine Erwartung
an die Schullaufbahn aus – all dies sind Fragen, die sich bei jedem
neuen Internatler mehr oder minder stark stellen. Diese Fragen betreffen
auch die Selbstorganisation, die Arbeitshaltung, das Lern und Freizeitverhalten
sowie Freundschaft, Liebe und Sexualität. Hier sind altersgemäße
Gesprächs und Beratungsformen zu finden, deren Prinzipien oben
genannt wurden. Zum Zweiten stehen Themen an, die körperlich-gesundheitliche
Probleme behandeln: Die Regelung von Arbeit und Freizeit, Anspannung und
Entspannung, von körperlicher Ertüchtigung, der Vorsorge der
Gesundheit und Pflege bei Krankheit. Die Lebensphasen (z.B. Vorpubertät,
Pubertät und Nachpubertät), geschlechtliche Reifung, emotionale
Schwankungen sind nicht nur Herausforderungen für Betreuung, sondern
auch Anlässe für Unterricht, oder – einfacher gesagt –
für fachkundige Aufklärung seitens der Erzieher. Hierzu gehört
eine ernsthafte (und nicht ironisch) betriebene Aufklärung über
Drogenmissbrauch genauso wie Aufklärung für die Selbsthilfe
bei leichten (oder chronischen) Erkrankungen. Drittens geht es um Themen,
die organisatorische Probleme betreffen: Welche Schwerpunktfächer
wähle ich in der Schule? Wie muss ich lernen? Warum habe ich Probleme
in bestimmten Fächern? Welche Hobbies sind sinnvoll? Wie gehe ich
mit meinem Geld um? Welche Perspektiven habe ich nach der Schule? Wie
bereite ich mich auf eine Berufswahl, einen Beruf vor? Wie bewerbe ich
mich? Der Übergang von Schule und Beruf ist ein wichtiges Thema und
sollte im Internat systematisch bedacht werden – bis hin zu Kontakten
mit Firmen. Ein Internat ist gut beraten, die aus der Erfahrung sich immer
wieder stellenden Aufgaben einmal aufzulisten und geeignete Materialien
oder Lösungswege zur Verfügung zu stellen – schon allein,
damit nicht jeder neue Erzieher immer wieder selbst (oft durch Versuch
und Irrtum) Materialien suchen und Lösungen finden muss.
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Prof. Dr. Volker Ladenthin
Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaften
an der Universität Bonn |
1) Vgl. Regenbrecht, Aloysius; Pöppel, Karl Gerhard
(Hg.): Erfahrung und schulisches Lernen. Münster 1995; Buck, G.: Lernen
und Erfahrung - Epagogik. Darmstadt 1989; Duncker, Ludwig: Erfahrung und
Methode. Studien zur dialektischen Begründung einer Pädagogik
der Schule. Langenau; Ulm 1987; Fauser, Peter u.a. (Hg.): Lernen mit Kopf
und Hand. Berichte und Anstöße zum praktischen Lernen in der
Schule. Weinheim; Basel 1983. Die immer wieder berufene theoretische Begründung
bei: Herbart, Johann Friedrich [Kap.]: Unterricht als Ergänzung von
Erfahrung und Umgang. In: Herbart, Johann Friedrich: Allgemeine Pädagogik
aus dem Zweck der Erziehung abgeleitet. In: Johann Friedrich Herbarts Pädagogische
Schriften. Bd. I. Langensalza 1896. S. 113–278, S. 167–172.
2) Vgl. Regenbrecht, Aloysius: Reflektierende Urteilskraft
als Kriterium moralischer Erziehung im Unterricht. In: Rekus, Jürgen:
Grundfragen des Unterrichts. Bildung und Erziehung in der Schule der Zukunft.
Weinheim; München 1998. S. 95–113.
3) Vgl. die Differenzierung in: Ladenthin, Volker: Wissenschafts-
und erfahrungsanaloger Unterricht. In: Regenbrecht, Aloysius; Pöppel,
Karl Gerhard (Hg.): Erfahrung und schulisches Lernen. Münster 1995.
S. 15–29.
4) Vgl. Schönfeldt, Sybil Gräfin: Feinschliff.
Ein Knigge für die nächste Generation. Berlin 2001. Es gibt auch
„Benimm-Bücher“ in erzählender Form; für Mädchen:
Cabot, Meg: Plötzlich Prinzessin. München 2001.
5) Zur Didaktik des Zeitungslesens vgl. Ladenthin, Volker:
Zeitung und Zeitschrift als Unterrichtsmedien. In: Martial, Ingbert von;
Ladenthin, Volker: Medien im Unterricht. Hohengehren 2002. S. 329–357.
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