Unter Pädagogen hat das Wort Landerziehungsheim einen guten Klang.
Doch manchem, der mit der deutschen Schulgeschichte nicht besonders vertraut
ist und selbst kein Landerziehungsheim kennt, könnte dies Wort eher
fremd vorkommen und ihn zu falschen Gedankenverbindungen veranlassen.
Was also sind Landerziehungsheime?
Landerziehungsheime – LEH-Internate – sind anspruchsvolle,
überschaubare Internatsschulen besonderer pädagogischer Prägung.
Sie wollen nicht nur eine sorgfältige Schulausbildung ermöglichen,
sondern ihren Schülern und Schülerinnen zugleich zu wirklicher
Persönlichkeits- und Charakterbildung verhelfen. LEH-Internate
sind darum auch etwas anderes, als den meisten beim Wort „Internat“
einfällt, sie sind mehr als eine Schule mit Wohnmöglichkeit.
Sie wollen nicht nur eine sorgfältige Schulausbildung ermöglichen, sondern ihren Schülern und Schülerinnen
zugleich zu wirklicher Persönlichkeits- und Charakterbildung verhelfen.
Die Bezeichnung Landerziehungsheim geht auf Hermann Lietz zurück, der
die erste Schule dieser Art im Jahre 1898 gründete:
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LEH-Internate liegen absichtsvoll nicht in Städten, sondern auf dem Land (meist in sehr eindeutig geprägten Landschaften - von
einer Nordseeinsel bis zu den Hochalpen). Wie ihre Gründer sind die LEH-Internate auch heute der Überzeugung, dass es nicht
gleichgültig ist, in welcher Umwelt ein junger Mensch aufwächst und welche Eindrücke ihn dort prägen.
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LEH-Internate sind Wohnschulen, die Erziehung, also eine umfassende Persönlichkeitsbildung, für ihre wichtigste Aufgabe halten.
Sie wollen die Kopflastigkeit und die einseitige Überbewertung von intellektuellen Leistungen vermeiden, die der Normalschule mit
Recht vorgeworfen werden.
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LEH-Internate sind Wohnschulen, die nicht Institute oder Anstalten sein wollen, sondern ein Heim, ein Ort also, wo man als Kind oder
Jugendlicher heimisch werden kann. Ihr Vorbild ist nicht das Kloster oder die Kadettenanstalt. Für viele ihrer Schülerinnen
und Schüler sind sie während wichtiger Lebensjahre ein zweites Zuhause. Invielen LEH-Internaten wohnen auch fast alle
Lehrerinnen und Lehrer mit im Heim.
In der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime e.V. sind heute einundzwanzig selbstständige LEH-Internate (zwanzig in Deutschland und
eines in der Schweiz) zu einem gemeinnützigen Verband zusammengeschlossen. Sie fühlen sich durchaus als Erben dieser besonderen
pädagogischen Tradition. Aber sie haben diese Tradition fortentwickelt.
Anerkannte Ersatzschulen
Schulrechtlich sind die LEH-Internate anerkannte Ersatzschulen, das heißt unter anderem, dass die an ihnen erworbenen Zeugnisse unter
den gleichen Bedingungen erteilt werden und die gleichen Berechtigungen verleihen wie die Zeugnisse staatlicher Schulen.
Schulen in freier Trägerschaft
Jedes einzelne LEH-Internat hat seinen eigenen gemeinnützigen Träger. Das kann eine Stiftung, ein Verein oder eine gemeinnützige
Genossenschaft sein. Die Gemeinnützigkeit garantiert, dass mit dem jeweiligen LEH-Internat kein materieller Gewinn erwirtschaftet werden
darf, der irgendeinem Außenstehenden zugute käme. Alle Einnahmen müssen entweder zur Deckung der laufenden Kosten oder zur
Verbesserung des pädagogischen Angebotes verwendet werden. Die Kosten, die den Eltern entstehen (oder wer immer für das Leben eines
Jungen oder Mädchens in einem LEH-Internat aufkommt - das sind bei manchen Jungen und Mädchen auch andere Kostenträger, z.B.
Jugendämter), sind wegen der unzureichenden staatlichen Unterstützung bei der Finanzierung nicht-staatlicher Schulen, insbesondere
nicht-staatlicher Internatsschulen, in allen Ländern der Bundesrepublik nicht unerheblich. Den LEH-Internaten ist die Problematik, die
sich daraus ergibt, schmerzlich bewusst. Fast alle haben darum Stipendienfonds eingerichtet und versuchen, durch Voll- und Teilstipendien im
Rahmen des ihnen Möglichen Abhilfe zu schaffen. LEH-Internate sind konfessionell nicht gebunden. Sie stehen grundsätzlich Jungen und
Mädchen aller Religionen und Nationen offen.
Kinder und Jugendliche können in einem LEH-Internat lernen mit und von Erwachsenen, die nicht austauschbare Lehrpersonen sein wollen,
sondern Menschen, die ihnen auch außerhalb des Unterrichts begegnen, Zeit für sie haben, ihnen zuhören und versuchen, ihnen zu
antworten und zu helfen, wenn es nötig is
Über das Aufwachsen im LEH-Internat
Anders als zum Beispiel in England gibt es in Deutschland viel Unkenntnis und allerlei Vorurteile über Internate. Vielen gelten sie nur
als eine Art Ersatz, als Ausweg, wenn daheim oder in der bisher besuchten Schule gar nichts mehr geht. Nun ist den LEH-Internaten natürlich
bewusst, dass sie oft auch Ersatz für andere fehlende Möglichkeiten sein müssen - und sie bejahen diese Aufgabe! Sie selbst
verstehen sich aber vor allem als Ergänzung und als Alternative, als einen Lebensraum, der Jungen und Mädchen Chancen für Erfahrungen
eröffnet, die sie so weder im Elternhaus noch in einer Halbtagesschule machen könnten. Das gilt auch und gerade für die Jungen und
Mädchen, die das Glück eines verlässlichen Elternhauses haben.
Kinder und Jugendliche können in einem LEH-Internat
- mit anderen Kindern und Jugendlichen in einer geordneten Gemeinschaft aufwachsen und dabei lernen, auch mit Menschen zusammenzuleben und zu
arbeiten, die sie sich nicht ausgesucht haben, also lernen, die eigenen Interessen mit den Interessen anderer in ein ausgewogenes Verhältnis
zu bringen;
- lernen mit und von Erwachsenen, die nicht austauschbare Lehrpersonen sein wollen, sondern Menschen, die ihnen auch außerhalb des
Unterrichts begegnen, Zeit für sie haben, ihnen zuhören und versuchen, ihnen zu antworten und zu helfen, wenn es nötig ist;
- in überschaubaren Gruppen und in gemeinsamer Arbeit wichtigen Fragen auf den Grund gehen, neue Interessen entwickeln und dabei zugleich
die Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die zum Beispiel für den beabsichtigten Schulabschluss nötig sind;
- Freundschaften schließen, die oft ein Leben lang Bestand haben;
- durch Gespräche und Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen und Erwachsenen über Gegenwarts- und Zukunftsprobleme oder über
wichtige Lebensfragen zu eigenen Überzeugungen und Entscheidungen kommen und lernen, für sie einzustehen;
- gemeinsam reisen oder sich in Outward-bound-Situationen bewähren;
- vieles tun, wozu es zu Hause und in der bisher besuchten Schule keine Möglichkeit gibt: handwerklich und künstlerisch arbeiten, mit
anderen zusammen Musik machen, Theater spielen, Sport treiben, Feste feiern, gemeinsame Projekte organisieren, Verantwortung übernehmen,
eigene und fremde Interessen wirkungsvoll vertreten;
- durch all diese Erfahrungen Selbstvertrauen und Selbstständigkeit gewinnen.
Gemeinsame Überzeugungen der LEH-Internate
Jedes LEH-Internat hat seine Besonderheiten. Dennoch sind die in der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime zusammenarbeitenden LEH-Internate
sich in wichtigen pädagogischen Überzeugungen einig. Das wird besonders deutlich an dem, was die LEH-Internate unter Bildung und
Erziehung verstehen. Bildung und Erziehung sind nach dem Verständnis der LEH-Internate nicht voneinander zu trennen. Bildung bedeutet mehr
und anderes als Wissensvermittlung. Erziehung ist das Gegenteil von erzwungener Anpassung und äußerlicher Disziplinierung. Bildung und
Erziehung haben Ziele. Eltern und Schule müssen sich über diese Ziele, selbst wenn sie immer nur unvollkommen erreicht werden,
verständigen, damit keine falschen Erwartungen entstehen und auch damit die Eltern besser verstehen, warum die Schule sich in einer bestimmten
Situation für diesen oder jenen Weg entscheidet.
Erziehung verstehen die LEH-Internate also als Hilfe beim Aufwachsen und Erwachsenwerden.
Erziehung für Kinder und Jugendliche von heute
LEH-Internate wollen ausdrücklich erziehen. Sie wollen ihren Schülerinnen und Schülern bestimmte Erfahrungen ermöglichen. Es ist ihnen wichtig, dass Jungen und Mädchen auf diese Weise lernen, ihr Leben an Werten zu orientieren, dass sie Einstellungen erwerben und Verhaltensweisen üben, die es ihnen ermöglichen, entsprechend zu handeln. Erziehung verstehen die LEH-Internate also als Hilfe beim Aufwachsen und Erwachsenwerden.
Die Erziehungsziele der LEH-Internate lassen sich beschreiben mit Worten wie Mündigkeit, Neugier, Ernsthaftigkeit, Gemeinsinn, Verlässlichkeit, Weltoffenheit, Verantwortungsbereitschaft und -fähigkeit, Leistungswillen, Bereitschaft zur Selbstkritik, Fähigkeit, mit anderen zusammenzuarbeiten, ohne sich selbst aufzugeben. Aber ebenso gehören dazu auch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft oder Politikfähigkeit und die Lust, etwas zu bewirken, oder Bescheidenheit und Bereitschaft zum persönlichen Verzicht. Alle LEH-Internate erwarten von ihren Schülerinnen und Schülern Engagement über den Unterricht hinaus, sei es durch Mitwirkung an der Gestaltung des Alltags, sei es bei sozialen Diensten wie Schulfeuerwehr, Rettungsdienst, Kinderbetreuung, Kranken- oder Altenpflege, sei es bei Chor, Instrumentalmusik oder Theater oder sei es bei Sport und Spiel, Fest und Feier.
Dr. Hartmut Ferenschild