Die Vielfalt der Internate
Ein Beitrag von Prof. Dr. Volker Ladenthin
Übrigens: Man muss sich nicht an diese Regeln halten, man kann auch unhöflich sein. Man kann alles anders machen.
Nur rächt sich dann die Gemeinschaft fürchterlich.
Im Alltag existiert oft ein festes Bild vom Internat. Man kennt es aus Filmen und Romanen und selbst viele Eltern sind überrascht, wenn auf die Vielfalt an Internaten, auf die vielfältigen Funktionen hingewiesen wird.
Viele Eltern, das wird man feststellen, kennen die Chancen, die ein Internat bieten könnte, zu wenig - und suchen nach Lösungen, für die ein bestimmter Internatstyp längst bereit stände.
Das Internat wird oft und zuallererst sozialpädagogisch begründet: Eine zunehmend kinderfeindliche Umwelt begrenze die kindlichen Freiräume für eine altersangemessene Entwicklung: Das Internat biete diese
kinderspezifischen Freiräume. Die Gesellschaft stelle für Kinder zu hohe Anforderungen an ihre Fähigkeit, sich angesichts der pluralen Lebensformen - besonders im Freizeitbereich - zu orientieren:
Das Internat biete eine sinnvolle Auswahl an Möglichkeiten und helfe bei der Orientierung. Die Familie habe sich im Hinblick auf Fürsorgekompetenz verändert, die Sozialämter stellten zunehmend Förderbedarf
bei Kindern in Hinsicht auf Erziehung und Betreuung fest: Das Internat kompensiere diese Probleme durch eine angemessene und professionelle fürsorgliche Betreuung. Kurz: Die moderne, plurale, ja "gleichgültige"
Gesellschaft verlange nach einer öffentlichen Institution, die sich nicht nur um den Wissenserwerb und die Erziehung der nachwachsenden Generation kümmert, sondern diese Generation auch versorgt,
emotional betreut und in eine eigene Gemeinschaft mit pädagogischer Qualität einführt.
Sicherlich übernehmen viele Internate diese Aufgabe - sie übernehmen sie auch, können aber viel mehr und haben meistens viel mehr zu bieten. Gerade von Seiten der Reformpädagogik,
der Landerziehungsheim-Pädagogik und der konfessionellen Internatspädagogik wurde stets der Eigenwert, ja der Mehrwert des Internats betont: Es biete nicht nur mehr, sondern anderes.
Es halte ein besonderes pädagogisches Angebot bereit und ergänze daher Schule und Familie. Es biete den Kindern und Jugendlichen zum Beispiel eine ihrem jeweiligen Alter angemessene eigene Lern- und Lebenskultur:
Es biete konsequent pädagogisch, aber auch spirituell gestaltete Lern- und Lebensformen mit eigenen Zeitrhythmen und festen Gewohnheiten, die lebensstabilisierend wirkten.
Erzieher an Internaten haben's also schwerer als früher: Sie müssen diese informellen Regeln mitteilen, lernbar machen.
Ein solches Internat entwickele ein Lernen, das auf das unmittelbare Zusammenleben bezogen ist und von diesem ausgeht und es thematisiere das Zusammenleben selbst, das im Internat ausdrücklich gelernt werde. Solche Internate erheben den Anspruch, Ansätze
erfahrungsorientierten Lernens wie der Erlebnispädagogik fortzuführenoder das Lernen und Aufwachsen in einen spirituellen Gesamtkontext einzubetten, der wieder auf das Lernen zurückwirke. In einige Fällen ermögliche
ein solches "reformorientiertes" Internat Kindern und Jugendlichen sogar eine ihnen gemäße polis-ähnliche Verfasstheit und Selbstverwaltung.
Schließlich - und dieser Gedanke hat es zugegebenermaßen in Deutschland etwas schwer - stellen Internate die Lösung für ein vielleicht schlichtes, für Eltern aber drängendes schulorganisatorisches Problem dar: Sie sollten
also normaler und eben auch staatlich initiierter Teil des Schulangebots sein: Internate können Kinder in Regionen beschulen, in denen ansonsten tägliche weite Anfahrtswege zur weiterbildenden Schule in Kauf genommen werden müssten.
Aber nicht nur für das Ortsproblem - zunehmend auch für das Zeitproblem können Internate attraktiv sein. Bei der Berufstätigkeit beider Elternteile, bei erhöhten Mobilitätsanforderungen durch die Arbeitswelt ist ein umfassender Bedarf nach
kompetenter, nicht nur fürsorglicher, sondern erziehlicher Betreuung von Kindern und Jugendlichen entstanden. Internate können hier, z.B. angesichts von Eltern, die im Schichtdienst arbeiten müssen, viel unterwegs sind
oder zeitintensive Berufe haben, sinnvolle und förderliche Hilfe bieten - inflexibler Art: Als Halbtagsinternate, Tagesinternate bis zum Abend oder als Wocheninternate von montagmorgens bis freitagmittags. Da sich der
Ausbau der Ganztagsschulen mit einer qualifizierten pädagogischen Begleitung als nicht so einfach erwiesen hat, können hier Internate mit einem lange erprobten kompetenten und umfassenden Angebot ein Bedürfnis aufnehmen,
das von vielen Eltern ausgesprochen wird.
Prof. Dr. Volker Ladenthin
Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaften an der Universität Bonn
Das Internat: Struktur und Zukunft. Ein Handbuch Herausgeber: u.a. Volker Ladenthin Ergon Verlag