Das Internat will die Familie nicht ersetzen. Es kann den Schülern vielmehr etwas
anderes bieten: eine Gemeinschaft Gleichaltriger, in der sie wachsen können.
So können sie Verantwortung übernehmen – und sich in Kommunikation üben.
Bildung bedeutet Entwicklung.
Und um eine solche Entwicklung bei jungen Menschen in
die richtige Bahn zu lenken,
sind verschiedenste Wege des Lernens
etabliert worden. Lernen fällt immer da
am leichtesten, wo "Lernen" nicht unbdingt draufsteht, also nicht zwingend in
der Schule. Öffentliche Schule heißt für
viele Kinder und Jugendliche heute nur
noch: Druck, Stress, Konzentration, Hausaufgaben, Pauken, Stillsitzen und
Üben.
Dabei kann Lernen so spannend sein.
Wir müssen nur die Bedürfnisse von
Kindern berücksichtigen. Sie brauchen
klare Regeln und Strukturen, Zeit und
Raum, positiv besetzte Autoritäten und
eine Gemeinschaft. Für eine gute Entwicklung benötigen junge Menschen
aber insbesondere soziale Kontakte. Das
galt auch schon vor Internetdiensten wie Facebook oder StudiVZ; doch die er-
staunlichen Erfolge und Reichweiten der
Social Media belegen diese These erneut.
Lernen außerhalb des Unterrichts
Indem Jugendliche in einer sozialen Gemeinschaft lernen, sammeln sie Erfahrungen. Pädagogen haben sich bereits
früh entschlossen, die Ausbildung von
Jugendlichen in eine Gemeinschaft außerhalb der Familie zu übertragen. Vor
allem im angelsächsischen Raum, aber
zunehmend in ganz Europa, ist die Institution Internat erfolgreich. Wer die Lebensläufe bekannter Politiker, Wissenschaftler oder Künstler anschaut, wird
häufig auf eine Ausbildung in Internaten
stoßen. Internate haben den Anspruch,
das Lernen und Erwachsenwerden auch
außerhalb des eigentlichen Schulunterrichts zu erproben. Junge Leute wachsen
dort zu selbständigen Menschen heran:
Sie übernehmen Verantwortung und
Verpflichtungen, etwa soziale Dienste
und Gemeinschaftsarbeiten. Ein Internat will kein "Hotel Mama" sein. Das
Modell ist vielmehr: wachsen an und in
der Gemeinschaft.
Internate setzen auf klare Regeln und
Konsequenzen. Nur weil eine Internatsausbildung Geld kostet, ist noch lange
keine Rundumbedienung enthalten.
Auch in den teuersten Internaten gilt:
Wenn ein Kind die Regeln grob verletzt,
kann es seine Ausbildung nicht fortsetzen. Meist befürworten die Jugendlichen
selbst die klaren Regeln und die damit
einhergehenden Konsequenzen – zum
großen Erstaunen vieler Eltern. So entstehen Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. "Das Leben ist prallvoll, aber zugleich rücksichtslos, unberechenbar und
gleichgültig. Man muss Kinder und Jugendliche auf dieses Leben vorbereiten,
genauer: auf die Ordnung dieses Lebens.
Internate dienen dieser Vorbereitung",
schreibt Professor Volker Ladenthin, der
Autor des Standardwerkes "Das Internat: Struktur und Zukunft".
Internate fördern Jugendliche vor allem
in dreierlei Hinsicht: Die Schüler bekommen Selbstbewusstsein, entwickeln Eigenständigkeit – und werden als Individuum gesehen. Vielleicht ist gerade das
"Gesehenwerden" der größte Unterschied
zu den meisten öffentlichen Schulen.
Klassen mit 25 und mehr Schülern machen es selbst dem besten Pädagogen
schwer, den einzelnen Schüler wirklich zu
sehen. Dadurch können öffentliche Schulen individuelle Begabungen nur bedingt
fördern. Wenn es Eltern nicht gelingt, die
Kinder zum Eiskunstlaufen, zur Chorprobe oder zum Basketballunterricht zu brin-
gen, ist eine Förderung der individuellen
Begabungen kaum möglich. Sehen die
Lehrer ihre Schüler in öffentlichen Schulen nur in den Schulstunden, so kann eine
ganzheitliche Bildung kaum stattfinden.
Aber gerade in dieser Ganzheitlichkeit
stecken große Chancen, die Internate nutzen können. So verfügen viele Internate
über ein sehr breites Freizeitangebot:
handwerklich-technische Werkstätten,
Arbeitsgemeinschaftenin Musik, Sport
oder Sprachen, Besinnungstage, soziale
oder internationale Projekte. Im Internat
wird das Kind nicht nur als Schüler wahrgenommen, sondern als ganzheitliche
Person mit allen Stärken und Schwächen.
Neue Impulse für die Familie
Die Fähigkeit zur Kommunikation ist wesentlich. Wie in amerikanischen und
englischen Schulen sind öffentliche Auftritte und Reden in Internaten eine Selbstverständlichkeit. Und Internatsschüler
lernen neben der Kommunikation auch
soziale Werte wie Rücksichtnahme, Höflichkeit, Toleranz und Respekt. Die Sorge
vieler Eltern, durch das Leben im Internat
könne sich ihr Kind entfremden, erweist
sich als unbegründet. Im Gegenteil, oft
bringen die Kinder in den Schulferien
neue Impulse in die Familien. Wachsende Selbständigkeit, größeres Verantwortungsbewusstsein und respektvoller Umgang verändern häufig auch die familiäre
Gemeinschaft. "Der Besuch eines Internats zeigt den Mut eines Jugendlichen, in
einen neuen Lebensabschnitt einzutreten. Zugleich beweisen die Eltern Vertrauen in ihre Kinder, weil sie sie einen
ersten Schritt in den ‚Strom der Welt‘ tun
lassen", schreibt Bernhard Bueb, der langjährige Leiter des "Internats Schloss Salem" und Autor des Bestsellers "Lob der
Disziplin".
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