Sinn für‘s Leben

Ein Beitrag von Prof. Dr. Volker Ladenthin

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Die Pädagogen des 18. Jahrhunderts, allen voran Jean-Jacques Rousseau, machten eine große Entdeckung, eine der wichtigsten in der Menschheitsgeschichte: Sie konnten nachweisen, dass jedes Lebensalter einen eigenen Sinn hat. Alles hat seine Zeit. Wenn man sie nicht richtig lebt, hat man sie für immer verpasst. Man kann sie nicht nachholen.
Von nun an konnte man sich den Menschen so zuwenden, wie es ihrem Alter entsprach. Das war besonders für Kinder und Jugendliche lebenswichtig. Plötzlich gab es Kinderärzte. Die Kinder- und Jugendsterblichkeit ging massiv zurück. Kinder und Jugendliche konnten nun erstmals in der Geschichte angemessen verstanden und gefördert werden. Passgenau. Es entstanden Kindergärten. Pfiffige Ingenieure erfanden lehrreiches Kinderspielzeug, vom Puppenhaus bis zur elektrischen Eisenbahn. Kreative Autoren erdachten sich originelle Kinderund Jugendbücher über den Trapper Lederstrumpf oder Pippi Langstrumpf. Man richtete Schulen für alle ein und überlegte sich, wie man auf Abenteuerspielplätzen und in Freizeitanlagen einen passenden Aktionsraum für Kinder und Jugendliche schaffen könnte.

Man erkannte: Der Sinn von Kindheit und Jugend liegt nicht in der Zurichtung für‘s Erwachsenenleben oder die Berufswelt. Wenn man unsere PISAStudien liest, ist aber genau dies das heutige Verständnis von Kindheit und Jugend: Kinder sind unser Kapital! Was Hänschen nicht lernt, … Lernchancen sehen, Zeitfenster nutzen. Vorbereitung aufs Leben...

Und dann? Dann ist die Kindheit vorbei und man hat sie verpasst. Man komprimiert die Schulzeit zu noch mehr Lernzeit – und dann ist die Jugend vorbei und man hat auch sie verpasst.
Internateportal-2 Ist es nicht erstaunlich, dass sich seit der „Durchschulung“ der Gesellschaft immer wieder Jugendbewegungen lautstark zu Wort melden und anklagen, dass man ihnen die Jugend geraubt habe? Das reicht vom „Jugendstil“ – von dem nur noch einige Fassaden übrig geblieben sind – bis zum „Punk“ oder zum „HipHop“ die nun zur Werbemasche, zum „Great Rock’n’Roll-Swindle“ verkümmert sind! Das ist seit Jahrzehnten so. Schon nach dem ersten Weltkrieg bezeichneten sich die um ihre Jugend betrogenen jungen Erwachsenen als „lost Generation“, und Ernest Hemingway war einer ihrer Sprecher. Sein Kollege F. Scott Fitzgerald schrieb, seine Generation sei herangewachsen, nur um „alle Götter tot, alle Kriege gekämpft, jeden Glauben in die Menschheit zerstört“ vorzufinden. Das trifft es genau. Denn hier ist zusammengefasst, was Jugend ausmachen könnte: die Suche nach gültigen Konzepten, nach Bewährung im Alltag und nach Sinn für’s Leben.
Es ist die Chance der Internate, diesen Befund ernst zu nehmen … und der Jugend ihre Jugend zurückzugeben. Das Internat kann die Institution sein, in der Kinder und Jugendliche gemäß ihres Alters lernen. Eine Institution, die Räume schafft, in die Jungen und Mädchen hineinpassen, ohne sich klein zu machen. Die Freiräume schafft, in denen sie sich erproben können. In denen sie herausfinden, „was in ihnen steckt“. Zeiten, in denen sie sich konzentrieren und Freizeiten, in denen sie sich entfalten können. Eine Institution, in der die Jugendlichen sich selbst und die Mitmenschen erkunden. In der sie Gott und die Welt kennenlernen. Das wäre heute fast ein Alleinstellungsmerkmal in der Schullandschaft.

Prof. Dr. Volker Ladenthin

Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaften an der Universität Bonn


Das Internat: Struktur und Zukunft.
Ein Handbuch
Herausgeber: u.a. Volker Ladenthin
Ergon Verlag


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