Auf die Erzieher kommt es an!

Ein Beitrag von Prof. Dr. Volker Ladenthin

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Schauen wir einmal in längst vergangene Zeiten zurück: In meiner Grundschulklasse saßen 52 Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Ethnien, sozialer Verhältnisse und viele mit schrecklichen Fluchterfahrungen: Die Kinder der 12 Millionen Vertriebenen.

Wir hatten Schichtunterricht, d.h. eine Woche von 8-12, die andere von 14- 18 Uhr. Als Pausenmahlzeit gab es ein Leberwurstbrot („Bring das Butterbrotpapier wieder mit! Das können wir noch mal verwenden!“), einen Apfel und ein Viertelliter heiße Milch in Pfandflaschen. Ich war damals fünf dreiviertel. Es gab nicht für jeden ein Schulbuch, das Wichtigste stand gut lesbar auf der abwaschbaren Tafel an der Wand. Das mussten wir abschreiben. In Schönschrift. Wir schrieben auf quietschende Schiefertafeln, mit einem harten Stift. Die weichen Stifte waren zu teuer. Wir schrieben es mit Bleistift ins schwarze Heft. Wer konnte sich schon einen „Füller“ leisten? Mein Schulfreund lebte mit 8 Geschwistern in vier Kinderzimmern eines kleinen Hauses. Schrecklich? Chancenlos?

Wahrlich kann man sich das alles anders vorstellen: Kleine Lerngruppen, elektronische Medien für alle, life-learn-balance, Einzelzimmer, abwechslungsreiche Biokost, vielleicht sogar vegan? (Nur beim Recycling war man in den 50ern besser!) Aber wird das Lernen dadurch automatisch besser? Erhöhen sich automatisch die Chancen?

Sind wir Nachkriegsgeneration eine Generation von Gescheiterten und Geschlagenen geworden, weil wir all das weder kannten noch hatten? Wohl kaum: die Nachkriegsgeneration, die jetzt im Ruhestand lebt, war die Generation des Bildungsbooms (von 5% Abiturienten auf 40%), sie ist (trotz der Beeinflussung der Eltern im Nationalsozialismus) mehrheitlich weltoffen, kulturell tolerant und demokratisch gesinnt; es sind Staatsbürger, die die ganze Welt bereisen und neugierig fremde Kulturen erkundschaften, die bei Umweltkatastrophen Unsummen spenden und Fernsehserien lieben, in denen es gerecht zugeht – wie in „Um Himmels Willen“. Es ist die Generation des Wirtschaftswachstums und eines hierzulande bis dahin nicht gekannten Wohlstands, den viele andere Länder gerne bei sich hätten.

Die anderen Länder fragen nach den Gründen und Rezepten für dieses Gesellschaftswunder. Aber was war der Grund, der trotz so schlechter materieller und organisatorischer Voraussetzungen zu diesem Erfolg führt?

Ein Grund waren die Lehrerinnen und Lehrer. Sie haben sich um uns gekümmert, um die Vaterlosen, die vielen Halbwaisen, um die aus ihrem Herkunftsgebiet geflohenen, ausgebombten, von Inflation gebeutelten Menschen nach 1945.

Sie wussten, dass wir diese Trümmer- Welt verändern wollten. Dabei halfen sie uns. Deshalb haben die Lehrerinnen und Lehrer die Schule ernst genommen. Sie haben uns ernst genommen. Sie haben mit uns gelernt. Sie wussten, was sie wollten (immerhin wurde die Lernzielorientierung des Unterrichts genau in dieser Zeit eingeführt!), und weil wir den Sinn schnell verstanden hatten, haben wir Schülerinnen und Schüler das mehrheitlich akzeptiert. Schon als i-Männchen und i-Mädchen.

Die Lehrer wirkten auf uns glaubwürdig. Sie nahmen die Sache des Lernens sehr ernst; Spielereien gehörten nicht zu den damals bevorzugten Methoden des Unterrichts. Die Lehrerinnen und Lehrer hatten weder ein ironisches Verhältnis zum Lernstoff noch zur Institution. Sie haben sich mit der Schule insgesamt identifiziert.

Sie waren überzeugt, dass man langfristig nur etwas verändern kann und Erfolg hat, wenn man sich an wichtigen Sachverhalten bildet. Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten – darum ging es. Und um Einstellungen und Haltungen: Verständnis, Empathie und Gerechtigkeitssinn. Wolfgang Borchert und Heinrich Böll. Die Ziele waren genau bestimmt und auch für uns Kinder so klar, dass die Lehrerinnen und Lehrer alles in streng kontrollierten Hausaufgaben und Klassenarbeiten genau überprüfen konnte.

Unser Schulbuch in der Volksschule hieß: „Aus eigener Kraft“. Das war das Programm – wir sollten lernen, alles aus eigener Kraft schaffen. Lernen geschah aus eigener Kraft. Dass wir das lernten, dabei wurde uns geholfen. Mehr nicht.

Diese Erfahrungen mit Lehrpersonen, die zugleich Erzieher waren, gelten mehr noch als in der Schule im Internat. Denn dort lernt man nicht nur; dort verbringt man viel Lebenszeit. Man wohnt dort. Man hat dort Freunde, man ordnet seine Freizeit, man findet eine Gemeinschaft vor, die man zugleich gestaltet.

Auf die Erzieher kommt es an. Sind sie in der Lage, die Ernsthaftigkeit der Situation, des Bildungsprozesses zu vertreten? Sind sie lebendes Symbol für das, was sie vertreten – für das Internat? Nehmen sie die Internaler ernst, die Schule, das Internat, das Hauspersonal, die Kollegen, die Leitung? In jeder Kleinigkeit? Kann man ihnen restlos vertrauen? Gibt es keinen Zweifel? Ist der Erzieher, ist die Erzieherin verlässlich? In jeder Situation? Hört der Erziehende aktiv zu, wenn er zuhören soll?

Versteht er, aus dem, was der zu Erziehende sagt, das herauszuhören, was er meint? Und berät er behutsam, wenn er beraten soll – so, wie der zu Erziehende sich selbst beraten hätte, wenn er sich denn schon selbst hätte beraten können? Wissen die Erzieher, wann sie nur zuhören sollen und wann sie beraten müssen? Überschreiten sie keine Grenze, sondern ziehen sie klar und deutlich und halten sie sie ein? Verwechseln sie Erziehung nicht mit Beziehung, um sich durch die Beziehung Nähe und Anerkennung zu erschleichen? Sind die Erzieher freundlich, aber auch bestimmt? Wissen sie, was sie wollen? Können sie, was sie wollen? Haben sie für oft wiederkehrende Wechselfälle des Lebens Routinen, die sie schnell und sicher agieren lassen? Verwechseln sie Routine nicht mit Langeweile? Wissen sie, was in Ausnahmefällen gilt? Kennen sie die Rechtslage und den Unterschied zwischen einem rechtlichen und einem pädagogischen Verhältnis, zwischen einem therapeutischen und einem erziehenden Gespräch?

Wissen sie, dass die pädagogische Freiheit nicht Beliebigkeit ist und dass Indifferenz oder Gleichgültigkeit keine pädagogischen Tugenden sind? Wie teilen sie mit, was sie denken und wollen? Kann man sie verstehen? Sind sie eindeutig, oder lassen ihre Verhaltensweisen zu wünschen übrig?

Dies sind einige der Fragen, die die Erziehungswissenschaft an Erzieher stellt, wenn sie die Qualität von Internaten untersucht. Stellen Sie diese Fragen doch auch! Fragen Sie die Internatsleitung.

Seit langem bieten die Internatsverbände Fortbildungen für Internatserzieher an, in denen es genau um diese Grundfragen geht.

In einem solchen „Edukanat“ können Erzieherinnen und Erzieher lernen, wie man nicht nur seine Funktion erfüllt, sondern seine Rolle professionell und menschlich ausfüllt. Wie man die Idee der Erziehung mit seiner Person verbinden kann. Dieser pädagogische Bezug, den es sonst nirgendwo in der Gesellschaft gibt, macht im Wesentlichen den Erfolg einer Bildungsinstitution aus.

Allerdings ist es keineswegs schädlich, wenn alle Beteiligten in schönen Räumen arbeiten, gesunde Mahlzeiten einnehmen, ein großes Freizeitangebot haben, bedachten Zugang zu den aktuell wichtigen Medien und einen gewissen Wohnkomfort. Schauen Sie sich das Internat Ihrer Wahl an. Entscheiden Sie auf Grund von Kriterien!

Das Internat ist eine Institution, die schon von der Organisation her den Kindern hilft. Aber sie erhält Leben von routiniertem, gut geschultem und pädagogisch ausgebildetem Personal.

Prof. Dr. Volker Ladenthin

Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaften an der Universität Bonn


Das Internat: Struktur und Zukunft.
Ein Handbuch
Herausgeber: u.a. Volker Ladenthin
Ergon Verlag


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