Schlau gemacht

Bis zur Einschulung war Vivienne (alle Namen im Text sind von der Redaktion geändert) ein glückliches Kind. Gemeinsam mit ihren Eltern lebte sie im Osten Deutschlands und machte ihrer Familie viel Freude. Wissbegierig ging sie durch ihre frühe Kindheit. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, dass Vivienne hochbegabt ist.

Ihr Intelligenzquotient wurde erst viel später auf 154 getestet. Zum Vergleich: Ein Durchschnitts-IQ liegt zwischen 105 und 107, Albert Einstein hatte einen IQ von 160.

„Schon früh konnte meine Tochter bis 1000 zählen, konnte alle Farben benennen und stellte mir unzählige Fragen“, erinnert sich Eva, die Mutter der heute 22-Jährigen. Da Vivienne ihr erstes Kind war, machte sie sich darüber keine Gedanken. Erst bei einer U-Untersuchung, Vivienne war zu dem Zeitpunkt etwa zweieinhalb Jahre alt, machte die Kinderärztin die junge Mutter auf die Besonderheit ihres Kindes aufmerksam. „Hier müssen wir besonders aufpassen, die Kleine ist viel zu weit für ihr Alter“, habe man gesagt, Eva jedoch mit dieser Information alleingelassen. „Aber auch da hab ich mir noch keine Sorgen gemacht“, erinnert sie sich.

Der Stress begann erst mit der Schule. Lange habe die damals Sechsjährige auf ihre Einschulung hingefiebert, doch die Freude am Unterricht hielt nicht lange an. „Schon nach den ersten Wochen kam meine Tochter völlig gelangweilt nach Hause“, erzählt Eva. Der Schulstoff forderte das kleine Mädchen nicht, und Aufgaben, die Eva zu Hause zusätzlich zu den erteilten Hausaufgaben aus eigenem Antrieb löste, seien in der Schule mit schlechten Bewertungen abgestraft worden.

Vivienne ist hochbegabt

„Gespräche mit den Lehrern und der Schulleitung erwiesen sich als zwecklos. Keiner wollte sich auf unsere Tochter einlassen“, sagt die Mutter. Mitte des zweiten Schuljahres fühlte sich Vivienne bereits so schlecht, dass ein Schulwechsel die erhoffte Lösung bringen sollte. Doch auch dieser Plan ging schief, denn auch die neue Grundschule war dem Kind nicht gewachsen. „Von schlechtem Sozialverhalten und mangelnder Konzentration war ständig die Rede“, weiß sie noch heute. Die Sorge um ihre sonst so fröhliche Tochter trieb Eva um. Eine Freundin riet zum Intelligenztest. Und dieser brachte die Erklärung: Hochbegabt.

„Endlich wussten wir Bescheid“, erzählt Eva weiter. Nach der Grundschule ging es für Vivienne daher auf ein Gymnasium für Hochbegabte. Die Familie hoffte auf bessere Zeiten, wurde jedoch schnell enttäuscht. „Die Kinder und Jugendlichen dort haben sich an der Höhe ihrer IQs gemessen“, so Eva und erzählt weiter: „Wir haben Viviennes Intelligenzquotienten jedoch nie an die große Glocke gehängt, daher war meine Tochter mit dem Kräftemessen an dieser Eliteschule völlig überfordert, was sich körperlich und seelisch zum Ausdruck brachte.“ Sie sei mit Magenschmerzen und Durchfall losgegangen und in einer Angststörung, unter der die junge Frau heute noch leidet, geendet.

„Was das Schulsystem aus meiner Tochter gemacht hat, macht mich unglaublich wütend“, sagt Eva. Viele Schulwechsel, auch weit über die Landesgrenzen der Heimat hinaus, folgten. Hilfen und Unterstützung vom Jugendamt konnte die Familie nur mit Anwälten durchsetzen. „Es war eine Odyssee, und am Ende stand meine Tochter ohne einen Schulabschluss in Klassenstufe 9 und mit Erfüllung der Schulpflicht da“, sagt die Mutter.

Die Wendung zum Guten, an die eigentlich niemand mehr glaubte, brachte der mittlerweile jugendlichen Vivienne die Berufsberatung beim Arbeitsamt in ihrer Heimatstadt. „Wenden Sie sich an das Krüger-Internat in Lotte. Wenn, dann kann man nur noch dort etwas tun“, habe man Vivienne und ihrer Mutter ans Herz gelegt. Wieder eine neue Schule, ein Internat, mehr als neun Stunden mit der Bahn von zu Hause entfernt. Sollte das wirklich die Lösung sein? Und genau das war sie. „Meine Tochter ist in Lotte am Krüger-Internat unglaublich einfühlsam aufgenommen worden. Man hat sich auf ihre Hochbegabung und auf ihre Angststörung eingelassen und sie akzeptiert, wie sie als Mensch ist“, so Eva.

Die Wende im Internat

Eine solche Erfahrung habe die Familie während der gesamten Schullaufbahn nicht gemacht. Stets sei Vivienne zu anstrengend, zu auffällig, nicht angepasst genug gewesen. In kleinen Schritten arbeitete die zu dem Zeitpunkt schon junge Frau sich am Krüger-Internat über den Hauptschulabschluss, den erweiterten Realschulabschluss bis hin zum Fachabitur. „Eigentlich wollte sie im nächsten Jahr noch ihr Abitur machen, aber spontan hat sie sich nach der 12. Klasse für eine Lehrstelle im Norden Deutschlands entschieden“, erzählt Mutter Eva stolz. Ihre Tochter habe sich durch die Hilfe des Krüger-Internats wieder ins Leben gekämpft, und dafür möchte sie Danke sagen. „Ohne dieses Internat hätte meine Tochter es nicht in den Arbeitsmarkt geschafft, wäre vielleicht sogar für immer ein Sozialfall auf Kosten des Staates gewesen. Ich bin für diese Unterstützung so dankbar und möchte auch anderen Eltern, die Ähnliches erleben, Mut machen, sich an das Krüger-Internat zu wenden“, sagt Eva.

Beim Internatsleiter des Krüger-Internates, Jörn Litsche-Niekamp, nachgefragt, erinnert er sich gerne an Vivienne. „Skeptisch und voller Ängste kam die junge Frau zu uns. Anfänglich wollte sie gar nicht ins Internat. Aber schon nach kurzer Zeit konnte sie sich öffnen, hat Anschluss gefunden und sich hochgekämpft. Wir sind sehr stolz auf sie“, sagt er. Sein Internat ist darauf ausgerichtet zu helfen, wo Eltern nicht mehr weiter wissen. Klare Strukturen, Unterricht, ein gutes Team, aber auch viel Freizeitaktivitäten seien für die jungen Menschen im Internat eine Chance. „Wir versuchen die Probleme unserer Schüler zu verstehen und setzen uns mit ihnen auseinander, um gemeinsam gute Lösungen zu finden“, erklärt er das Leitbild.

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