Im Internat das Leben lernen?

Ein Beitrag von Prof. Dr. Volker Ladenthin

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Manchmal wird etwas längst Abgelegtes hochaktuell: Auf dem Höhepunkt der Krise empfahl die Bundesregierung als eine der wichtigsten Maßnahmen, neben dem Lüften: „Hände waschen!“ Eine Regierung muss ihren Bürgern empfehlen, die Hände zu waschen? „Nach dem Klo und vor dem Essen/Händewaschen nicht vergessen!“ habe ich als Steppke in der damaligen Volksschule gelernt; offensichtlich nachhaltig. Und ebenso offensichtlich wurden seitdem die bundesdeutschen Lehrpläne so durchgelüftet, dass man in den Schulen vieles lernt, nur nicht, was in der Krise als wichtigste Maßnahme öffentlich propagiert wurde: Schlichte Alltagsregeln.
Die Internate lehren diese Regeln aber sehr gewissenhaft. Im Internat wird nämlich auch der Alltag zum Lehrplan. Und zwar deshalb, weil ein Internat vom Eingang bis zum Ausgang, von der Grundidee bis zur letzten Heftzwecke, mit der die Internatsordnung ans Schwarze Brett montiert ist, alles durchdacht hat. Durchdacht – nicht verordnet. Das ist ein gewaltiger Unterschied: Ein Internat ist durchdacht, aber kein Haus der Vorschriften. Es gibt Regeln, „do’s und don’t‘s“, wie man heute sagt – aber alles zielt darauf, die Internatler selbsttätig selbständig werden zu lassen. Damit ihnen keiner später, wenn wieder einmal eine Krise kommt, sagen muss, was sie tun sollen. Sie wissen es dann selbst. Sie haben es gelernt: „…Händewaschen nicht vergessen …!“
Der Alltagslehrplan im Internat enthält nicht nur Mathe und Englisch, sondern auch (welch vor Corona schreckliches Wort!) Hygiene. Sauberkeit. Tischmanieren. Kurz: Umgang mit anderen. Im Internat wird der Alltag zum Lernanlass, und zwar deshalb, weil Pädagogen ihn durchdacht haben. Sie haben sich gefragt, was man bedenken muss, wenn 200, 300 oder mehr Menschen in einem Haus leben? Wie muss der Tagesablauf sein? Was soll man essen? Wie ist ein Ausgleich zwischen Körper und Geist, Anspannung und Entspannung zu regeln? Und wie lebt man auf eine Art miteinander, dass man sich nicht gegenseitig mit unangenehmen Krankheiten infiziert? Es ist die Grundlage jeden Internats, diese Fragen zu beantworten – und zwar so, dass die Internatler die Antworten lernen und im weiteren Leben nutzen konnten.
Das Internat macht etwas, was die Schule nicht macht: Das Internat macht den Alltag lernbar. Es befähigt, wenn man es politisch sagen will, zur umfassenden selbständigen Daseinsvorsorge, nach bestem pädagogischem Wissen und Gewissen. Dass man sich regelmäßig die Hände wäscht, war da längst vor der Krise eine gelernte Selbstverständlichkeit. Hätten doch mehr Menschen eine solche Bildung erfahren!

Prof. Dr. Volker Ladenthin

Lehrstuhl für Historische und Systematische Erziehungswissenschaften an der Universität Bonn


Das Internat: Struktur und Zukunft.
Ein Handbuch
Herausgeber: u.a. Volker Ladenthin
Ergon Verlag


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