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Das ABC der Internate

Das ABC der Internate </br></br>
Silke Mäder

Ausgezeichnete Bildung –
Beschützender Rahmen –
Club of best friends

Ein Beitrag von Silke Mäder, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche

 

Der Begriff „Helikopter Eltern“ ist ein Modewort geworden. Gemeint sind damit Eltern, die über ihrem Kind, ihren Kindern schweben, alles beobachten, beurteilen und steuern möchten, was das Leben des Kindes angeht. Ist das bedenklich? Eigentlich nein, denn alle Eltern sollten die Verantwortung für ihren Nachwuchs übernehmen. Verantwortung übernehmen bedeutet auch immer, den Kindern auch die besten Möglichkeiten einer Ausbildung und Bildung zu geben. Und gleichzeitig ihnen eine Freizeit zu ermöglichen, die Sport, Freundschaft, Erlebnis, Diskurs mit Gleichaltrigen erlaubt. Vor allem, die es unterstützt, dass das Kind in allen seinen Möglichkeiten gesehen wird.

Ich denke, dass gerade Eltern, die „über“ ihren Kindern schweben, erkennen werden, dass sie bei der Bildung für ihren Nachwuchs nichts Besseres finden, als ihrem Kind eine Schulzeit in einem Internat zu schenken. Gut geführte Internate, und das sind die bei uns vorgestellten, fördern und fordern ihre Schüler zielgenau, schaffen für Kinder/Jugendliche soziale Kompetenz, die Fähigkeit zur Kommunikation, das Interesse für und – in geschützten Räumen – auch Bereitschaft zur Auseinandersetzung und zum täglichen Neuen.

Doch wie können Eltern wissen, wieviel Förderung ihr Kind braucht?
Mit Schuleintritt ist es Kindern wichtig, im Klassenverband integriert und anerkannt zu werden, einen guten Platz in der Klasse zu haben. Mit zunehmendem Alter bekommen Freunde einen immer bedeutenderen Stellenwert. Die meisten Freundschaften entstehen über die Schule. Von ihren Eltern möchten sie Interesse spüren, möchten „gesehen werden“ und doch auch klare Strukturen, Grenzen, konsequente und gerechte Folgen erfahren.
Wie und wo können nun die Wünsche und Bedürfnisse sowohl von den Kindern/Jugendlichen als auch von den Eltern „erfüllt“ werden?

Meine Antwort lautet: Im Internat!

 Das ABC der InternateImmer mehr Jugendliche verstehen und schätzen die Sinnhaftigkeit einer umfassenden Internats­Ausbildung. Junge Leute informieren sich oft eigenständig über Zugangsvorausetzungen, Schwerpunkte und Besonderheiten der verschiedenen Einrichtungen. Wenn wir die Fragen analysieren, die über das Internate­Handbuch oder das Internateportal.de an den Verlag herangetragen werden, so stellen wir gerade in den letzten Jahren fest, dass fast die Hälfte der Anfragen inzwischen von den Jugendlichen selbst kommt (und nicht mehr nur von deren Eltern). Jugendliche wissen sehr genau, dass sie heute eine gute Ausbildung und ein gutes Netzwerk benötigen. Und das schafft natürlich besonders eine Internatsausbildung. Die Zeiten scheinen vorbei zu sein, in denen ein Internatsbesuch negativ besetzt gewesen ist. Die Jugendlichen wissen um diese Chance, um dieses besondere Privileg. Im angelsächsischen Raum kann sich eine verantwortliche Familie kaum vorstellen, dass ihre Kinder nicht in den Genuss einer Internatsausbildung kommen sollen.

Und wie schaut das Leben im Internat aus?

Durch die vielfältigen Freizeit­ und Fördermöglichkeiten, die in den meisten Internaten geboten werden, bleibt wenig Raum für Langeweile.
Beschäftigungen wie Computerspiele und TV­Berieselung kommen nur in ausgewählten Zeiten vor und werden auch von den Kindern und Jugendlichen selbst als sekundär betrachtet. Schule und Hausaufgaben sind eng mit dem Internatsleben verzahnt, so dass in vielen Internaten eine gute Betreuung und Unterstützung gewährleistet sind. Auch die kleineren Klassen, die meist besser ausgestatteten Klassenzimmer und das größere Angebot von päda gogischen Konzepten lassen Schule in einem viel interessanteren Licht erscheinen. Das Thema Freunde nimmt auch bei den Internatsschülern mit den wichtigsten Stellenwert ein. Im Internat lebt man ständig mit Gleichaltrigen in einer Gemeinschaft zusammen. Es wird zusammen gelacht, geteilt, ge lernt und bei alldem werden wichtige Erfahrungen gesammelt und lebenslange Freundschaften geschlossen.
Gleichzeitig stelle ich immer wieder fest, wie stark und eng doch die Verbindung zum Elternhaus ist. Die Beziehung zu den Eltern ist durch das Ausbleiben der täglichen Streitpunkte nicht mehr belastet. Eltern müssen nicht mehr ständig auf die konsequente Umsetzung von Regeln achten und können das Leben ihrer Kinder im Internat positiv begleiten. Deshalb ist es wichtig, dass Internate nicht als „letzte Instanz“ gesehen werden, sondern als „besonderen Glanzpunkt“ einer guten Erziehung und Bildung.

Machen Sie sich zusammen mit Ihrem Kind auf die Suche nach einem guten Internat! Ein Internat, in dem Ihr Kind in den unterschiedlichsten Bereichen gefördert wird und in dem sich Ihr Kind unter Gleichaltrigen wohl fühlt. Gerade für Jugendliche hat die Peergroup einen nicht zu unterschätzenden Einfluss. Um so wichtiger, das Leben in der Clique im Blick zu behalten und sich zusammen mit den Jugendlichen außerhalb der Schule auseinanderzusetzen, Werte zu vermitteln, Positionen zu beziehen und standzuhalten.
Solch ein intensiver Austauschkann in dieser Form nur in einem Internat stattfinden. Es ist den vielen sich ausführlich darstellenden Internaten/Heimen zu verdanken, dass dieses Buch bei der Aus wahl nach ideellen und pädagogischen Schwerpunkten für Sie eine gute Hilfe sein wird. Aber auch der Überblick über mehr als 300 deutsche Internatsadressen (alle uns bekannt gewordenen Internate wurden in diesem Buch kostenlos aufgenommen) und die 45 Internate in der Schweiz ermöglicht eine wirkliche Bestandsaufnahme der Heimerziehung.

Es liegt in der Verantwortung der Eltern, sofern sie sich für diesen Weg entschieden haben, die richtige Auswahl für ihr Kind zu treffen. Nehmen Sie sich Zeit. Denken Sie daran, dass das nächste Internat nicht unbedingt das beste ist. Im Gegenteil. Eine zu große Nähe kann sogar von Nachteil sein. Das Kind muss gewohnte Strukturen verlassen und sich ganz in die pädagogischen Notwendigkeiten in der neuen Umgebung einfügen können. So fällt es Erziehern vor Ort wesentlich leichter, die Fähigkeiten der Heranwachsenden zu optimieren.

 Das ABC der InternateMein Rat an Sie: Schmökern Sie in diesem Buch. Gehen Sie vorurteilsfrei an die Internate in unterschiedlicher Trägerschaft heran. Lassen Sie sich durch konfessionelle oder finanzielle Aspekte etc. nicht abhalten, die einzelnen Schulen im Sinne Ihres Kindes zu prüfen. Es bleibt festzuhalten, dass auch im Bereich der Pädagogik genau verglichen werden sollte. Schauen Sie zuerst nach dem Angebot und dann nach dem Preis. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich erwähnen, dass einige Internate Stipendien vergeben. Bitte erkundigen Sie sich bei den von Ihnen ausgewählten Internaten. Auch möchte ich Sie darauf hinweisen, dass sich unter bestimmten Voraus setzungen Jugendämter an den Kosten beteiligen oder sie gar ganz übernehmen. Und informieren Sie sich beim Finanzamt über die steuerlichen Vorteile eines Internatsbesuchs.

Treffen Sie anhand des Buches eine erste Vorauswahl und besorgen Sie sich dann ausführliche Informationsmaterialien. Die Internate stellen sich auch über ihre Homepage im Internet vor. Vereinbaren Sie bei mehreren Internaten einen Termin vor Ort. Lassen Sie sich in Ruhe alles zeigen. Fragen Sie, ob sich Ihr Kind allein mit anderen Internatsschülern unterhalten kann. Einige Internate bieten „Schnuppertage“ oder Sommercamps an.

In Gesprächen mit Verantwortlichen von Schulen und Verbänden haben sich folgende Fragen für eine qualifizierte Entscheidung ergeben:

Im schulischen Bereich

  • Welche Schulabschlüsse sind möglich?
  • Ist nach dem Internatsbesuch in einem anderen Bundesland für das Kind ein Wiedereinstieg in eine Schule im Heimatbundesland möglich?
  • Gibt es Patenschaften für die Neuankömmlinge?
  • Gibt es Leistungskurse?
  • Wie ist das Lernen organisiert?
  • Gibt es betreute Räume für die Hausaufgaben oder lernt jeder allein auf seinem Zimmer?
  • Sind während dieser Zeit ein Lehrer oder Erzieher anwesend/erreichbar?
  • Lernt das Kind selbstständig zu lernen?
  • Gibt es einen geregelten Alltag?
  • Findet eine Zusammenarbeit zwischen Schule und Internat statt?
  • Werden Erzieher/Mentoren bei Lehrerkonferenzen mit einbezogen?
  • Wie viele Lehrer und Erzieher sind für die Kinder da – wie ist der Lehrerschlüssel?
  • Wie ist das Zahlenverhältnis von internen und externen Schülern?

Freizeitangebot:

  • Wie sieht das Freizeitangebot aus?
  • Kosten die Freizeitangebote extra?
  • Von wem werden die Freizeitangebote betreut?
  • Gibt es einen handwerklichkünstlerischen, sportlichen, sozialen Bereich?
  • Welche Konsequenzen hat eine Nichteinhaltung der Hausordnung?
  • Wie sieht der Ausgang am Wochenende aus?

Allgemeine Fragen:

  • Wie sieht der Speiseplan aus?
  • Gibt es vegetarisches Essen?
  • Wie lernen die Kinder Verantwortung zu übernehmen?
  • Wird das Thema Drogen angesprochen? Gibt es ein Drogenkonzept?
  • Steht für Krisensituationen ein Psychologe zur Verfügung?

Spätestens wenn eine Vorauswahl von 2-3 Internaten gefallen ist, sollten die Kinder in den Prozess einbezogen werden. Alle die Gründe, die aus Ihrer Sicht für ein Leben im Internat sprechen, werden dargelegt. Ein Internatsaufenthalt sollte vom Kind nie als Strafmaßnahme empfunden werden. Einige familientherapeutische Hilfen möchte ich Ihnen für die Vorbereitung auf die neue Schule mitgeben:

  • Fragen Sie Ihr Kind nach seinen Ängsten und Sorgen in Bezug auf ein Internat.
  • Besprechen Sie, wie sich Ihr Kind während des Aufenthalts Kontakt mit Ihnen und seinen Geschwistern wünscht.
  • Wie sehen die Wochenendheimfahrten aus?
  • Was könnten die anderen Familienmitglieder tun, damit sich das Kind von Anfang an in seiner neuen Umgebung wohl fühlt?
  • Wie hält Ihr Kind Kontakt zu seiner heimatlichen Clique, zu seinen bisherigen Bekannten und Freunden?

Besondere Beachtung sollten die ersten Wochen in einem Internat finden. In dieser Zeit werden die Weichen für die Nutzung dieses Angebotes gestellt. Es kann sein, dass Neue im Internat zunächst mit bestimmten „Aufnahmeprüfungen“ von Mitschülern konfrontiert werden. Dies können Hilfsdienste beim Essen, Rituale zur Gruppen aufnahme etc. sein. Sie können – wenn möglich – telefonisch beratend zur Seite stehen. Stärken Sie Ihrem Kind den Rücken. Es wird sich danach sehr bald in die Gemeinschaft integriert fühlen (und sich in der Regel in gleicher Weise an den Ritualen gegenüber Neuankömmlingen beteiligen).

Wenn Ihr Kind sehr starkes Heimweh bekommt, vereinbaren Sie eine Mindestaufenthaltsdauer von ca. 3-4 Monaten, während der sich in der Regel das natürliche Heimwehgefühl in ein Gefühl des Wohlbehagens umwandelt. Sollte nach der vereinbarten Zeit immer noch der Wunsch des Kindes vorhanden sein, das Internat verlassen zu wollen, ist ein gemeinsames Gespräch zwischen Eltern, Kind und Internatsleitern ratsam. Vielleicht können durch praktische Veränderungen – etwa ein neuer Zimmerkollege oder eine neue Klasse – die Schwierigkeiten ausgeräumt werden. In seltenen Fällen ist es auch vorstellbar, dass ein Internatswechsel angebracht ist und dadurch den Bedürfnissen des Kindes mehr entsprochen wird. So kann z.B. ein introvertiertes Kind ein Internat mit starker familiärer Atmosphäre, weniger Schülern etc. bevorzugen. Die bisher gemachten Internatserfahrungen können dann auf das neue Internat übertragen werden.

Das Leben im Internat führt erfahrungsgemäß zu lebenslangen Bindungen und Freundschaften. Gerade dieser interkommunikative Aspekt kann für das spätere Leben des Kindes von unschätzbarem Vorteil sein.

In Deutschland sind die meisten Internate in verschiedenen Internatsverbänden und ­vereinigungen zusammengeschlossen, die sich jedoch in den Zielsetzungen und Schwerpunkten unterscheiden.

Im Anschluss stellen sich alle Verbände/Vereinigungen selbst vor. Vergleichen Sie dabei die unterschiedlichen Ausrichtungen. Unser Internate­Führer versteht sich als Bindeglied zwischen Eltern, Schülern und dem breiten Angebot der Internate/Schulen. Wir möchten Sie mit unserem Buch „rund um das Thema Internate“ informieren. Sie bekommen hier sowohl Informationen über die verschiedenen Internate (die wir innerhalb der Bundesländer nach dem Ortsalphabet geordnet haben) wie auch über die verschiedenen Verbände und über die Internatsberatungen. Da Bildung nicht mit dem Abitur endet, haben wir in dieser Auflage ausgewählte private Fach­ und Hochschulen aufgenommen.

Das Buch entstand nach gründlicher Recherche und wir hoffen damit einen Beitrag zum Bildungs­/Ausbildungswesen zu leisten. Das Buch wird als Standardwerk jährlich überarbeitet.

Silke Mäder Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, Systemische Familientherapeutin

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